Die „Runde Ecke“- ein sprachliches und historisches Paradoxon

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Leipzig Runde Ecke

Eine Ecke am Ring oder ein rundes Gebäude an einer Ecke? Der semantische Widerspruch birgt auch historische Kontroversen.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde an dieser Ecke ein fotografischer Bezug manifestiert. Der Fotograf Hermann Walter pflegte hier bis 1909 sein Atelier zu haben. Die bis dahin stehenden Gebäude (deren Front zum Neukirchhof orientiert war) wurden schließlich abgerissen um 1913 Platz für seinen Nachfolger zu schaffen: Das Haus der Leipziger Feuerversicherungsanstalt.

Kurz darauf wurde die Ecke erstmalig von der Geschichte heimgesucht. Das Gebäude konnte den 2. Weltkrieg äußerlich zwar gut überstehen, jedoch begann es seine Räume mit historisch fragwürdigen Institutionen zu füllen. Nachdem in der Nazizeit einige Räume von der Gestapo genutzt wurden, waren die selbigen 1945 nach dem Einmarsch der Sowjets Sitz ihres Innenministeriums geworden.

1950 wurde das Gebäude dann, mit Einzug der Bezirksverwaltung der Stasi, schnell zum unbeliebtesten Haus in der DDR, bis es 1989 im Zuge der Montagdemonstrationen besetzt wurde.

Die einzigartige Architektur ging im Licht der Geschichte unter.

Erst die Eröffnung des heutigen Museums und die Erklärung zum Denkmal konnten die Ecke wieder zu einem besuchswürdigen Ort der Stadt machen.

Jörg Dietrich schließt mit seiner Fotografie nicht nur den Zirkel zurück zum ersten datierten Nutzen der Ecke: einem Fotoatelier.

Durch seine moderne Montage lässt er die „ runde Ecke“ linear erscheinen und fügt somit dem sprachlichen Paradoxon einen weiteren Parameter hinzu: Eine bisher ungesehene Perspektive auf die „runde Ecke“.

Die historische Lithographie des Leipziger Rings wurde freundlicherweise vom Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, als digitale Reproduktion des Originals, bereitgestellt.

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